Kreta

Heraklion haut uns nicht so vom Hocker, vom Parkplatz aus latschen wir zum alten Hafen und ein bisschen durch die Stadt, futtern Gyros. Es ist ziemlich windig und ungemütlich, deshalb fahren wir weiter zur Tropfsteinhöhle Sfetoni, die ziemlich abgelegen im Hinterland liegt. Ina hat nämlich noch nie eine Tropfsteinhöhle gesehen! Ich hatte als Kind mal eine Phase, in der ich mich wahnsinnig für Höhlen begeistert habe, und finde, dass dass Ina dringend auch mal in den Genuss kommen sollte. Dort angekommen stellt sich leider heraus, dass die Öffnungszeiten aus Google Maps nur für die Hauptsaison gelten. Immerhin ist es hübsch hier, und wir gehen im Dorf und in einer nahe gelegenen Schlucht spazieren. Der Ort wirkt sehr arm und ländlich, auffällig ist zum Beispiel eine Fensterscheibe, die gezielt im Oberen Bereich eingeschlagen wurde, um einen Durchgang für ein horizontal herausragendes Ofenrohr zu schaffen. Jede Familie im Ort, und wie sich später herausstellt in allen ländlichen Gegenden Kretas, besitzt mindestens einen Pickup-Truck. Zur Auswahl stehen Mitsubishi L200, Toyota Hilux und vor allem Nissan Navara, von denen fast alle auf Breitreifen rollen. Sieht wirklich wahnsinnig prollig aus. Nächster Stopp ist beim Kloster Arkadi. Hier spazieren wir durch die Gegend, wo ein junger, riesiger Hund zu uns stößt. Sein Schweif scheint erst kürzlich abgeschnitten worden zu sein, man sieht das rosa Gewebe am stumpfen Ende. Als wir ihn an einem Gatter zurücklassen, heult er herzzerreißend. Das hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Das Kloster selbst ist wunderschön, ein stark schwitzender Mönch verkauft uns Eintrittskarten für 2€, die Ausstellung ist vor allem vom Widerstand der KreterInnen gegen die Besetzung durch das osmanische Reich geprägt. In einer aussichtslosen Kapmfsituation haben sich hier wohl ca 30 Männer, Frauen und Kinder im Munitionslager selbst in die Luft gesprengt und dabei 150 Türken mit in den Tod gerissen. Gute Untertanen sind die KreterInnen nicht gerade, wie es scheint. Zurück in die Zivilisation begeben wir uns nach Rethymno, ein sehr hübsches Städtchen mit unzähligen kleinen Gassen und einer Befestigungsanlage auf der Anhöhe. Als wir ein einem Café sitzen, sehe ich wie Leute am Nebentisch einen lecker aussehenden Eintopf verputzen, und Frage beim jungen linken AkademikerInnenpersonal nach, ob wir auch eine Portion kriegen können. Leider nein, sie seien kein Restaurant, das Essen nur für das Personal. Naja, kann man nichts machen. 10 Minuten später steht ein dampfender Teller auf unserem Tisch: Damit wir auch mal probieren können. Gemüseeintopf mit Hühnchen und dazu Weißbrot. Lecker. Danke, Leute vom Games Café 🙂 Auf dem Parkplatz, auf dem wir parken, fährt Abends ein kleiner Transporter, im rechten Winkel dazu stellt sich ein PKW, und an den Resten eines Pavillons daneben wird Wäsche aufgehängt. Es sind zwischen 6 und 10 Personen involviert. Am nächsten Tag ist der Wagen wieder da, diesmal wird ein Schutzwall aus Karton errichtet und der Grill angeworfen. Später fährt die Gruppe ab, den Hausrat auf dem Dach verzurrt. Der Kartonwall liegt abseits, die Feuerstelle raucht noch. Neben unserem Auto steht ein Corsa, bis unters Dach vollgestopft mit den Dingen des täglichen Bedarfs. Wieder einmal bemerke ich, wie stinkreich wir sind.
Wir fahren in die Myli-Schlucht, kleine feine Wanderung mit Fluss, kaputten Brücken, die über denselben führen, geschlossene Ausflugslokale und viel Grün. Wieder in Auto geht es Richtung Westen an der Küste entlang, an einem Fluss, der ins Meer mündet, halten wir zum Übernachten an. Hier haben sich riesige Mengen Treibgut angesammelt, das von Einheimischen gesammelt wird. Eine Frau um die Mitte 50 begrüßt uns auf deutsch, sie wohnt hier in der Nähe. Mit ihrem Mann hergekommen, der Grieche ist, haben sie eine Taverne betrieben. Die Flammen der Liebe sind leider erkaltet, und jetzt sitzt sie alleine auf Kreta und ist arbeitslos. Tauschen will man da nicht.
Auf Empfehlung von Reni fahren wir nach Stavros, ein im Winter fast ausgestorbenes Nest mit einer wunderschönen Bucht mit blauem Wasser und einem kleinen Berg mit einer schon von weitem sichtbaren Höhle. Ich fühle mich irgendwie krank und liege zwei Tage im Bett und versinke völlig in einem Buch, der Wiedereintritt in die Realität fällt mir danach schwer. Wir bleiben einige Tage hier, und verschieben immer wieder die etwa halbstündige Wanderung zu der Höhle auf den nächsten Tag und sind so faul, dass es fast obszön ist.
Irgendwann raffen wir uns auf und fahren weiter nach Chania. Auch hier sieht man, dass der Betrieb im Winter deutlich heruntergefahren wird, aber die Stadt ist insgesamt schön. Es gibt eine lange Hafenpromenade, und wir finden ein günstiges Café bei dem man jedes mal ein kleines Croissant geschenkt bekommt. Wir wollen eigentlich schon weiterfahren, da gehen wir in einen Computer- und Smartphone-Reparaturladen, weil mein Motorola Moto G4 Plus aus 2016 nicht mehr richtig lädt. Ich soll es doch bis Abends da lassen, sie hätten den Micro-USB-Port dafür da, falls eine Reinigung nicht reicht. Mir fällt alles aus dem Gesicht. Die haben Ersatzteile für ein Mittelklassephone aus 2016 einfach im Schrank liegen? Und ich hatte zuvor für 5$ Ersatzteile aus China kommen lassen und 50$ Versand dafür bezahlt! 28€ kostet mich die Reparatur inklusive Teil, ich gebe 10€ Trinkgeld und hoffe, dass nicht alle wie die Lemminge den lean production-Gurus hinterherrennen, sondern ordentliche Lagerhaltung vor Ort betreiben, so wie dieser Laden. Nennt mich konservativ, aber die Welt kann so schön sein, wenn man nicht alles kaputtspart.
Ich schweife ab.
Auf dem Parkplatz neben uns steht ein T3 mit Erfurter Kennzeichen, es dauert ungefähr 10 Sekunden, und wir sind mit Simone und Jakob zum Abendessen verabredet, die beiden bringen eine Flasche Wein und Salat mit, Ina und ich kochen lecker Salzkartoffeln mit Tzatziki. Danach legen wir uns wie die Sardinen zu viert quer und Bett und schauen Tarantinos Inglorious Basterds auf Inas Laptop, während draußen der Wind pfeift. Super Abend.
Wenn die geneigte LeserInnenschaft eine Karte bemüht, dann sieht man links von Chania zwei Zipfel. Simone und Jakob wollen zu einem Kletterspot, und wir verabreden uns auf dem ersten Zipfel am äußersten Ende. Ina und ich fahren los, nach ca 2 km Rumpelpiste kommt uns ein Wohnmobil entgegen. Darin sitzt ein alter Typ mit seiner Frau und meint: „Schlechte Beispiele sind gut anzuhängen“. Ich so: „Was?“ Er so: Wiederholt sinnlosen Satz. Ich so: „Der Satz ergibt keinen Sinn“. Er so: „Naja anders gesagt, schlechten Beispielen folgt man gern.“ Ich so: „Ah ja, also bist du das schlechte Beispiel und ich…“ „Folge dem meinen, ja. Da gibt’s nichts zu sehen. Ans Meer kommt man auch nicht, außer man kann fliegen. Der Schlamm hier“, der Mann zeigt auf den roten lehmigen Boden, “ ist wie Seife. Runter kommt ihr vielleicht, aber wieder hoch, keine Chance.“ Wir winken uns freundlich zu und fahren weiter. Wir holpern noch eine Dreiviertelstunde weiter, immer wieder fahren wir sehr langsam, um den Ziegenfamilien auf der Piste Zeit zu geben, sich aus dem Weg zu bewegen. Jede Menge zuckersüßer Ziegenbabys sind dabei. Die Piste ist am Ende zwar ziemlich steil und von großen Felsblöcken übersät, aber wir kommen gut durch. Der Platz sieht aus wie ein Postkartenmotiv, und in den zwei Tagen, die wir dort verbringen, kommt nur ein Paar vorbei, Amerikaner. Ich vermute Militär. An einer Stelle bekomme ich eine schmalbandige Datenverbindung, über diese erfahren wir von der Zipfelverwechslung. Simone und Jakob hatten ihren nächsten zu bekletternden Spot auf dem ersten Zipfel verortet, der zweite wäre der Richtige gewesen. Also fahren wir noch zu Zipfel Nummer zwei, der sogar noch ein bisschen hübscher ist als der erste. Gemeinsam unternehmen wir eine kleine Wanderung, die Landschaft ist schön und der Wind verrückt stark. Der Kletterspot, den unsere neuen Freunde angepeilt haben liegt zum Glück in einer Höhle, in der man vom Wind nichts mitbekommt. Ich versuche mich auch am Fels, aber mein vom langen Urlauben verlotterter Körper und der nasse Fels erlauben mir nur ein gutes Drittel der Route zu besteigen. Ina schaut zu und wundert sich über über die komischen Hobbies von Leuten.
Wir verabschieden uns, hoffen auf ein Wiedersehen und düsen weiter. Wir wollen uns in die Richtung bewegen, in der der Ort liegt, an dem wir in wenigen Tagen unsere Volunteer-Jobs antreten wollen, bei einer kleinen Familie, die sich ich in Permakultur-Anbau versucht, unser nächster Stopp auf dem Weg ist in der Preveli-Schlucht. Hier sind wir eher inaktiv, eine kleine Wanderung bringt uns an den Preveli Palmenstrand. Hier mündet ein Fluss ins Meer und an dessen Ufern wächst ein dichter Palmenwald. Wunderschön!
Weiter geht es nach Matala, ein Dorf, das durch eine Hippiekommune bekannt wurde, die sich in den Siebzigern in den Höhlen eingerichtet hatte, die am Strand von den alten Römern in den Fels geschlagen worden waren. Das Dorf scheint bis heute geschickt Kapital aus seiner Hippiegeschischte zu schlagen, es besteht fast ausschließlich aus Hotels und Restaurants, und die Straßen sind bunt angemalt. Einige wenige alternativkulturelle Menschen sind auch heute noch da, sie haben es sich in ein paar Höhlen auf der anderen Talseite gemütlich gemacht, wie mir ein Typ aus einem Wohnmobil nebenan mit polnischem Kennzeichen erzählt.

Unsere Host-Familie antwortet nicht auf unsere Mails. Wir fahren einfach trotzdem in das Dorf, das auf deren Workaway-Seite angegeben ist, ohne die Adresse zu kennen. Wir suchen einen Parkplatz, ich steige aus, als ich einen Mann vor seinem Haus herumwerkeln sehe, und frage ihn, ob er unsere Hosts kennt. Er bedeutet mir zu warten, und holt seine Frau. Sie ist, wie sich später herausstellt, eine von vier Personen im Dorf, die englisch spricht. Wir werden sofort in die Küche gesetzt, bekommen Kuchen, Cola und Schnaps, und die Leute versuchen Kontakt zu unseren Hosts herzustellen. Die vierzehnjährige Tochter freut sich sehr über den internationalen Besuch, kein Wunder. In den nächsten Tagen werden wir realisieren, wie klein, abgehängt und ausgestorben dieses Dorf ist. Pro (so heißt der Vater der Familie) kommt uns abholen und ist überrascht, dass wir da sind. Die letzten Mails scheinen nicht angekommen zu sein, sie hatten nicht mehr mit unserer Ankunft gerechnet. Wir bekommen die Schlüssel zum Gästehaus, es gehört Joannas Eltern, die aus UK stammen. Wir nutzen aber nur Küche und Bad, unser eigenes Bettchen ist uns einfach am liebsten 🙂 Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen, und verbringen unseren ersten Arbeitstag. Pro führt uns ins Valley, wie sie ihr Stück Land nennen, das sich in einer Art Schlucht oder Schneise befindet, deren obere Kanten ca 60 m auseinander liegen. Hier lockern wir mit einer Mistgabel die Erde entlang der mit Bambusrohren angelegten Terrassen und pflanzen dort verschiedene Sachen an. So vergehen die nächsten Tage mit Feldarbeit verschiedener Ausprägung, das ganze Unternehmen wirkt auf uns völlig chaotisch. Weil Pro nach sogenannten biodynamischen Prinzipien arbeitet, richtet er seine Aktivitäten nach den Mondkalender, weshalb Arbeiten oft nicht zu Ende gebracht werden, weil der Mond eben andere Dinge priorisiert als sinnvoll aufeinander aufbauende Prozesse. Das Dorf ist fast ausschließlich von Ü-70ern bewohnt, jeden Tag kommen zwei oder drei Autos mit Megaphons auf dem Dach durch das Dorf, die Brot, Joghurt und Gemüse und anderes anbieten. Leider entzündet sich mein Auge mal wieder, und ich muss ins nächste größere Dorf, um mir Augentropfen zu besorgen. Am Ortseingang steht ein Demobus von der Polizei neben einem Supermarkt, dessen automatische Schiebetüren von Hand auseinander geschoben werden müssen.Pro erzählt mir am nächsten Tag, als wir an zwei Pickups der Polizei vorbeifahren, die gerade mit Maschinenpistolen bewaffnet aussteigen, um eine Kontrolle an einem Fahrzeug durchzuführen, dass es in letzter Zeit mehrere Tote nach Schießereien zwischen verfeindeten Familien gegeben hatte, weshalb die Staatsgewalt ihre Präsenz extrem ausweitet. Ihm war wenige Tage zuvor der Führerschein für 6 Wochen abgenommen worden, weil er nicht angeschnallt gewesen war. Er fährt natürlich trotzdem 🙂 Eines Abends nimmt uns Joanna in ihrem Ford Focus mit in eine Taverne, die von der Kooperative gegründet worden war, in der sie selbst auch organisiert sind. Das Auto lässt immer wieder alle Lichter des Armaturenbretts leuchten und lässt Alarmtöne hören. Das abgegammelte Kabel, das ich zuvor entdeckt und wieder zusammengeflickt hatte, war offensichtlich nicht das einzige Problem an dem Fahrzeug. Ina, Joanna und deren Tochter gehen bald wieder nach Hause, ich bleibe noch und trinke ein paar Weinchen. Die anderen Männer rauchen zu späterer Stunde Joints und lassen hören, dass der Faschismus ein gewolltes Instrument ist, um die Gesellschaft zu spalten und Bewegungen für soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe zu unterwandern. Ich bin wahnsinnig froh, kein Gras mehr zu rauchen und nicht so ein verschwörungsgläubiger Trottel geworden zu sein. Immerhin muss Pro seinen Konsum vor mir die nächsten nicht mehr verstecken. An unserem freien Tag wird mein Auge viel schlimmer. Wir vereinbaren einen Termin bei einer Augenklinik in Heraklion und verabschieden uns zwei Tage früher von unseren GastgeberInnen als geplant. Ein bisschen traurig sind wir, uns von der liebenswerten kleinen Familie zu trennen.

Ein Kommentar zu “Kreta

  1. Liebe Ina, lieber Felix, ich wünsche euch eine gute und sichere Heimreise. Wer hätte das gedacht, dass so ein Virus die ganze Welt und viele Pläne durcheinander wirbeln würde. Kommt gut durch! Liebe Grüße, Gudrun

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